Gröhl Rheinhessen Weingut

Haut Goût und Wirklichkeit

Im Weingut Gröhl übernimmt die neue Generation Stück für Stück das Ruder. Die Weine sind wild und eigensinnig, ohne den Realitätsbezug zu verlieren.

Das Weingut der Familie Gröhl liegt mitten in Rheinhessen. So mitten in Rheinhessen, dass vor der Haustür zwar Reben stehen, die richtig guten Trauben aber gut zehn Kilometer weiter östlich in Nierstein wachsen. Obwohl derzeit keine andere Region einen besseren Ruf genießt als Rheinhessen – zumindest in der Spitze – eignet sich der Großteil der Flächen nicht für viel mehr als ordentlichen Schoppenwein. Was richtig gut ist, konzentriert sich auch im riesigen Rheinhessen auf einen Bruchteil der Rebfläche. Auch die Trauben, die um das Weingut Gröhl in Weinolsheim herum wachsen, landen vor allem im Gutswein. Einen Weinolsheimer Weißburgunder und einen Dalheimer Grauburgunder gibt es, auf einen Ortsriesling aus dem Heimatort verzichten Gröhls gänzlich.

Gut, dass Vater Eckehart Gröhl, schon vor 15 Jahren schaltete und Rebflächen in Nierstein direkt am Rhein erwarb, was in etwa dem weinbaulichen Pendant der 2002 bezogenen Berliner Altbauwohnung entspricht. Heute wäre solch eine Investition für ein Familienweingut kaum zu stemmen. Und selbst wenn die Finanzierung glückte: nach dem Hype um Rheinhessen sind sich solche Flächen kaum noch zu haben, Marktpreis hin oder her.

Und gut, dass Eckeharts Kinder Franzi und Johannes Gröhl das Erbe mit so viel Energie angetreten haben! Seit 2019 sind die beiden zurück zu Hause und leiten das Weingut als Familienbetrieb in zwei Generationen mit ihren Eltern. Franzi ist nach Weinwirtschafts-Studium in Geisenheim für den Vertrieb zuständig, Johannes nach Lehre bei Rings, Philipp Kuhn und Matthias Knebel für die Produktion.

Zeitgeistiger Riesling

Dass man bei Rings und Knebel lernt, wohltemperierte Stinker zu kreieren, zeigen vor allem die Rieslinge. Schon der Gutsriesling (2022) enthält spontan vergorene Partien, deren dunkle, etwas mostige Reduktion ungezwungen und glaubhaft an den fruchtigen Körper andockt. Die Ortsweine (2022) sind nochmal eine Spur reduktiver aber auch fruchtbetont, vor allem der Oppenheimer, der die typische 22er-Stoffigkeit und gute dezente Bittertöne, Bitterorange und Kumquat mitbringt. Der Niersteiner ist etwas brillanter, strahlender und in seiner Stinkigkeit helltöniger.

Sehr spannend ist das 2021er Einzelllagen-Trio aus Oppenheimer Sackträger, Niersteiner Ölberg und Niersteiner Pettenthal. Den fruchtigsten Riesling bringt die Lage Sackträger hervor, ein nach Südosten exponierter, recht warmer Weinberg, in dem auch in Jahren wie 2021 exotische Subnoten und Mirabellenaromen entstehen können. Für mich wirkt der Wein eher von den unvorhersehbaren Aromen wilder Hefen geprägt als von einer neoklassischen Reduktion. Ich nehme keinen Feuerstein wahr, aber gekonnt gemüsige Noten, Spargelwasser und einen Hauch grünen Knoblauch. Durchaus ein Riesling mit Kompromissbereitschaft sowohl für Frucht- als auch Stinker-Trinker. Aber der Kompromiss ist ein guter.

Ölberg ist für mich auf dem gleichen Niveau stilistisch aber etwas anders, straffer, mehr von Zitronensaft und Grapefruitschale geprägt. Hier ist für mich Reduktion im Spiel: Feuerstein, ganz frische helle Backhefe, Schnittlauch, sehr spitz, sehr scharf aber glockenhell.

Pettenthal unterfüttert ein ähnliches Grundaroma mit Dichte, Tiefe und Länge, zeigt mehr Cremigkeit, Salz und Umami. Seit der Böckser zum Statussymbol geworden ist, mehren sich die Weine mit allzu aufgesetzten Reduktionsnoten, die dem Wein keine Komplexität bescheren können. Hier jedoch stimmt das Fingerspitzengefühl und die Weine werden auch noch Freude bereiten, wenn man dem modischen Reduktions-Riesling irgendwann mal überdrüssig geworden sein wird. Und das wird passieren, ohne Frage.

Progressive Sekte

Der beste Wein des Portfolios ist für mich ein Schaumwein: die Cuvée Pure aus Spätburgunder, die mit ihrem zarten Kupferstich irgendwo zwischen Rosé und Blanc de Noirs zu verorten ist. Mich erinnert der Sekt mit seiner Weinigkeit ein wenig an die Champagner von Egly-Ouriet, wenn auch nicht ganz auf diesem Komplexitätsniveau. Die Grundweine vergärt Johannes Gröhl spontan im gebrauchten Holz, sodass dem Sekt eine oxidative Note von wunderbarer Würze innewohnt. Mostapfel, Blutorange, geröstete Walnuss, ungebackener Roggensauerteig, Wachsmalstift, Leinöl, Leinsamen, sehr selbstbewusst und im besten Sinn extrem. Für einen Aperitif zu stoffig und wohl auch zu grob, aber als Speisebegleiter oder Digestiv-Champagner eine echte Empfehlung. Und für unter 20 Euro zu haben!

Der Blanc de Blancs aus Chardonnay ist deutlich anders, viel frischer und fruchtbetonter, aromatisch etwas kandiert, obwohl die Dosage nur bei einem Gramm liegt. Ich bin gespannt, wie sich das Sekt-Portfolio entwickelt. Fasst man die Cuvée Pure als Versuch auf, wie weit man sich von der Frucht entfernen darf, kann man ihn als geglückt betrachten. Gerade zeichnete Meininger ihn mit dem zweiten Platz beim Deutschen Sektpreis aus. Das dürfte Mut spenden, die Eigensinnigkeit auf andere Sekte auszuweiten.

Rotweine mit bedachter Frische

Die Rotweine sind ebenfalls sehr gut, vor allem die Spätburgunder aus der Niersteiner Hölle. Spannend ist der direkte Vergleich zwischen 2018 und 2020. Ceteris Paribus ist hier unmöglich, da 2018 sowohl der Übergangsphase zwischen Johannes und Eckehart Gröhl als auch dem viel heißeren Jahr entstammt. Dennoch vermute ich im 2020er eine stilistische Entwicklung erkennen zu können. Während 2018 noch sehr voll, dezent schokoladig, dicht und komplex rotgrützig ist, tritt 2020 deutlich schlanker und weniger extrahiert auf, eher Stein- als Beerenobst und eher rot- als blaufruchtig.

12,5 Volumenprozent, die hier auf dem Etikett stehen, schrecken mich mittlerweile fast mehr ab, als 14 Prozent – die Zahl aus Prinzip früh und dann oft zu früh gelesener Pinot Noirs steigt. Ganz anders bei Gröhls Pinot, der in den 12,5 Prozent seine innere Mitte findet und voll ausgereiftes Tannin mit punktgenauer Säure verbindet.

Chardonnay als invasive Sorte

Derzeit produziert Gröhl noch einen Einzellagen-Weißburgunder aus der Niersteiner Hölle. Kommendes Jahr sollen einige Reben auf Chardonnay umveredelt werden. Ob der Weißburgunder dann als Lagenwein erhalten bleibt, ist noch unklar. Ich kann den Schritt aus Winzersicht verstehen. Weißburgunder hat mehr mit Hitze und Trockenheit zu kämpfen als Chardonnay. Zudem boomt Chardonnay in Deutschland gerade, während der Ruf des Weißburgunders eher abnimmt. Ich selbst bin wahrscheinlich Teil des Problems und bewerte Chardonnay in der Spitze fast ausnahmslos höher als Weißburgunder. Trotzdem fände ich es schade, stürbe der Weißburgunder als Kulturgut aus. Und seien wir ehrlich: um auszusterben, muss er nicht völlig verschwinden; als Kulturgut ausgestorben ist er, sobald er nicht mehr als Spitzenwein, sondern nur noch als Beiwerk im Gutsweinbereich gekeltert wird.

Die Ambivalenz der Rebsorte kann man an den 2022ern im Vergleich zu den 2021ern ablesen. In trockenen, heißen Jahren wie 2022 stößt die Sorte oft an ihre Grenzen, gerät üppig, aber auch etwas träge. Der 2021er Niersteiner Weißburgunder wirkt hingegen wunderbar frisch und spielt seine Stärke voll aus: offenherzig, weiße Blüten, Jasmin, Aprikose und sehr kristallin.

Der Chardonnay ist deutlich anders, eigensinniger und im Gegensatz zum geradlinigen Weißburgunder mit doppeltem Boden ausgestattet. Die Reduktion ist forcierter, die Feinhefe spürbarer, auf den ersten zitruslastigen Frischekick, folgt ein naturales Haut Goût, gesägtes Steinmehl und wieder ein gekonnter Hauch Knoblauch.

Silvaner – mittlerweile eine Kuriosität

Wie Chardonnay gerade dabei ist, Weißburgunder und Grauburgunder zu verdrängen, hat Riesling den Silvaner schon lange verdrängt. Noch bis in die 90er war Rheinhessen, wie auch Teile Nordbadens und der Pfalz Silvaner-Land. Bis in die 70er machte Silvaner deutschlandweit vor Riesling mehr als ein Drittel der Rebfläche aus. So schlummern noch heute Schätze in den Weinbergen Rheinhessens, wie eine 82 Jahre alte Anlage aus wurzelechten Stöcken im Besitzt der Familie Gröhl. Dem Weinberg hat sich Johannes Gröhl 2021 für seinen jährlich wechselnden Projektwein angenommen und die Trauben nach drei Tagen Maischstandzeit spontan im Holzfass vergorenen und ungeschönt als sogenannten Naturwein gefüllt.

Ohne Frage ein guter Wein: feine herbe Kräutrigkeit, etwas Milchbrötchen, Sauerrahmbutter, dabei aber recht natural und mostig. Dass junge Winzer Silvaner behandeln, als sei er eine Rebsorte, aus der man auch mal etwas machen könnte – wie ein kurioser Grenache im Burgund, eine vergessene Chasselas-Parzelle in Condrieu oder ein Cunoise in Châteauneuf-Du-Pape –, verdeutlicht, wie weit sich Rheinhessen vom Silvaner entfernt hat. Natürlich erschweren kleine Mengen eine Vermarktung als fixen Lagenwein. Aber wurzelecht, Traditionssorte, Grand-Cru-Dorf – diese drei Stichworte würden in anderen Regionen einen festen Platz an der Spitze der Qualitätspyramide garantieren. In Rheinhessen sind sie ein Projekt.

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