Domaine de la Borde – Chardonnay Terre De Lias 2018

Keine Frage des guten Geschmacks

Neulingen gebe ich oft den – zugegebenermaßen wenig originellen – Rat “Ein guter Wein ist ein Wein, der schmeckt”. Paradoxerweise hat diese simple Formel für mich nur bedingt Gültigkeit. Wenn man sich intensiver mit Wein beschäftigt, verlieren die Kategorien “Schmeckt-Mir” und “Schmeckt-Mir-Nicht” an Bedeutung. Genauso wie der Wohlklang bei postmodernen und in einschlägigen Kreisen hoch angesehenen Komponisten wie Steve Reich oder John Cage ja auch häufig in den Hintergrund tritt. Ich habe mich – zugespitzt formuliert – zum Beispiel noch gar nicht gefragt, ob mir der Chardonnay Terre de Lias von der Domaine de la Borde aus dem Jura gut geschmeckt hat.

An die Stelle des Wohlgeschmacks tritt die Faszination. Und ich habe mir schon viele Gedanken gemacht, ob der Wein mich fasziniert hat. Oder besser gesagt, weshalb er mich fasziniert hat, denn Faszination ist mit dem ersten Schluck übergeschwappt. Eines muss man dabei vorwegnehmen: der Wein der Domaine de la Borde ist viel zu jung. Das äußert sich schon dadurch, dass er jede Menge Samtigkeit andeutet, aber nicht samtig ist. Mit angedeuteter Samtigkeit meine ich ein Mundgefühl, das zwar eine gewisse Breite (ohne Schwere!) und eine feine sandige Struktur hat, sich aber nicht ganz glatt an den Gaumen schmiegt, sondern die Mundschleimhäute triezt zig wie winzig kleine Nadelstiche.

Aromatisch erinnert mich der Wein der Domaine de la Borde an den Geruch von frisch gesägtem Sandstein mit einer leichten Platzpatronenaromatik. Faszinierend wild ist eine Zitruskomponente, die schmeckt wie angegammelte Zitrone – im positiven Sinn. Als beruhigender Gegenpol sorgt eine klare Williams-Birnen-Aromatik für Gediegenheit. Erwähnenswert ist aber vor allem wonach der Wein nicht schmeckt. Er schmeckt nämlich nicht nussig, hat keine Anzeichen von Acetaldehyd und schmeckt deswegen überhaupt nicht nach dem Jura-Klischee. Und vor allem: er hat keinen Schmelz. Das macht ihn nicht weniger faszinierend und gibt ihm einen unverwechselbaren Charakter, lässt ihn aber auch auf eine gewisse Weise unfertig wirken. Ich bereue es zwar nicht, die Flasche so jung schon aufgerissen zu haben, ganz im Gegenteil, ich erfreue mich am Lerneffekt eines zu jungen Jura-Weins. Der nächsten Flasche gebe ich aber trotzdem noch ein paar Jahre Zeit. Sicherlich schmeckt er dann auch.

Domaine de la Borde
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Paul Kern

Paul Kern

Editor in Schieflage bei Champagner & Schorle

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